
Iouri Podladtchikov ist am ersten grossen Ziel seiner Karriere angelangt: Der 23-jährige Zürcher besiegte im Halfpipe-WM-Final der TTR die gesamte Top-Konkurrenz. Der Titelgewinn des Schweizers ist sehr hoch einzuschätzen.
«Hey, ich bin Weltmeister! Ich kann es kaum begreifen.» Es schien fast so, als ob er selber am meisten über seinen Coup staunen würde. Dabei hatte er die Goldruns regelrecht angekündigt. Er wies den Favoritenstatus nicht weit von sich, sondern trug die freiwillige Bürde mit der Grandezza eines Siegfahrers.
«Wenn mir alle Tricks gelingen, bin ich eigentlich nicht zu schlagen hier.» Der couragierten Prognose folgte mit dem bestmöglichen Timing die spektakuläre Demonstration seiner Weltklasse. Von nichts liess sich der 23-Jährige mehr aufhalten. Nicht von seinem keineswegs enttäuschenden Teamkollegen Christian Haller (6). Nicht von der immensen Erwartungshaltung. Nicht vom Dauerregen und den wechselnden Bedingungen.
Die norwegische Bühne gehörte am Ende einer hochkarätigen Veranstaltung ihm. Im Flutlicht stand Iouri Podladtchikov da, wo er seinem Potenzial entsprechend und nach Einschätzung der Experten auch hingehört: Im Zentrum, zu oberst auf dem Podium. Die gegen 6000 Zuschauer jubelten ihm zu - eine lange Gratulationstour begann.
Unerreichbare Marken
Entgegen seiner veröffentlichten Strategie, sich ans Limit heranzutasten, stellte er im wohl bestbesetzten Contest-Feld in Europa die gesamte Konkurrenz ohne Verzögerung vor ein unlösbares Problem: Die Richter bewerteten seinen ersten von drei Läufen mit 90,8. Zum Einstieg wählte er einen «Backside 1260 Double Cork» und setzte mit dem hoch riskanten Trick gleich das gewünschte Signal.
Im zweiten Run erweiterte er sein Repertoire um einen dritten «Double Cork» (geschraubten Doppel-Salto). Der gegenwärtig weltbeste Freestyler neben Shaun White pokerte und flog hoch. Die Richter belohnten die «Trickmaschine» (Christian Haller über seinen erfolgreichen Teamkollegen) mit einer noch höheren Zwischennote (54,0) als im ersten Lauf (53,8); einzig wegen ein paar Einbussen im Gesamteindruck überschritt er die Neunziger-Grenze kein zweites Mal.
Aber auch Podladtchikovs zweithöchste Marke (89,6) - im dritten und letzten Run erlitt er einen folgenlosen Sturz - blieb für die prominenten Verfolger unerreichbar. Die US-Boys Matt Ladley und Louie Vito hatten der technischen Brillanz der Schweizer Nummer 1 nichts zu entgegnen. Sie stiessen in der ziemlich kurzen Pipe an ihre Grenzen. Die amerikanischen Stars, der dreifache TTR-Tour-Sieger Peetu Piiroinen und auch der FIS-Titelhalter Nathan Johnstone wurde von einem Rider besiegt, der endgültig in neue Sphären vorgestossen ist.
Von einer Etikette befreit
Podladtchikov verfügt womöglich noch über Spielraum gegen oben: «Ich habe sogar ein paar kleine Fehler gemacht.» Er ist in der Tat im Steigflug. Das Ende der Skala ist nicht in Sicht. Und der Zürcher will sich von seiner führenden Position im Freestyle-Boarden nicht mehr so schnell verdrängen lassen: «Es wird nicht einfach, mir das Ding wieder zu nehmen!» Er meinte die massive Siegertrophäe.
In der Stunde des wichtigsten Triumphs seiner Laufbahn warf der Zürcher Ballast ab. Das war in seinen Voten spürbar. Auch wenn er die Fragen nach den vormals auffällig vielen «Ehrenplätzen» am liebsten immer ausgeklammert hätte, thematisierte er seine nicht immer nur goldene Wettkampfbilanz der letzten Jahre gleich selber: «Ich habe nach so vielen zweiten Plätzen schon fast vergessen, wie gut sich die Nummer 1 anfühlt. Das macht fast ein wenig süchtig.»
Mit dem möglicherweise unterschwelligen Vorwurf, nicht punktgenau zur Höchstleistung bereit zu sein und im entscheidenden Moment in einem Knock-out-Wettbewerb anderen den Vortritt überlassen zu müssen, wird sich der erste Weltmeister in der zehnjährigen TTR-Geschichte in den kommenden Jahren nicht mehr befassen müssen. Von dieser unliebsamen Etikette hat sich Podladtchikov befreit.
Das Duell mit White
Marco Bruni verfolgte die Interviews seines neuen Weltmeisters mit grosser Genugtuung. Für den Coach von Swiss-Snowboard bestätigte sich im «Tryvann Vinterpark», was er schon lange für eine Tatsache hält: «Iouri ist technisch einen Schritt voraus. Und klar: Er besass die Zuversicht, den WM-Titel gewinnen zu können, wenn er seinen Run ins Ziel bringt. Das war neben seinem grossen Selbstbewusstsein einer seiner entscheidenden Vorteile.»
Der profunde Kenner der Halfpipe-Szene schätzt die forsche und zielgerichtete Art seines Teamleaders. Er sei für sie alle ein Glücksfall. «Noch steht Shaun White ihm im Weg. Aber schon in zwei Wochen in Tignes erwarte ich einen harten Kampf.» Bei den europäischen X-Games will sich Podladtchikov für seine Niederlage im ersten Duell dieser Saison revanchieren. «Der Battle in Frankreich wird interessant», verspricht Bruni.
Clarks Rolle und Bonus
Ein paar Stunden vor dem grossartigen Showdown von Podladtchikov und Co. setzten sich die Frauen ansprechend in Szene. Kelly Clark veredelte ihr umfangreiches Palmarès um einen weiteren Titel.
Im letzten Run des qualitativ guten Frauen-Contests rückte Queralt Castellet der US-Favoritin allerdins bedrohlich nahe. Die Spanierin setzte alles auf eine Karte und riskierte als einzige Riderin neben der Amerikanerin eine dreifache Rotation. Am Ende verpasste sie den WM-Titel nur um einen Wertungspunkt. Auf höchstem Niveau kam der aktuellen Dominatorin der Frauen-Szene mutmasslich auch der (Juroren-)Bonus zupass, den sich die 28-Jährige unter anderem mit ihrem Olympiasieg 2002 und zuletzt drei Erfolgen an den prestigeträchtigen X-Games erkämpft hatte.
Ursina Haller (7.) und Nadja Purtschert (8.) stiessen im hochklassigen Feld erwartungsgemäss nicht in den Kreis der internationalen Top-Riderinnen vor. Sie leisteten sich in den drei Durchgängen zu viele Fehler und missratene Landungen. «Für mich ist aber gut, dass mir der 'Frontside Nine' erstmals wieder in einem Contest gelungen ist», fand Haller trotz der eher mässigen Platzierung einen positiven Aspekt.
Nach einem schweren Sturz im letzten Dezember hatte Haller während Wochen auf ihr schwierigstes Manöver verzichtet. Purtschert indessen überraschte in Oslo den gesamten Coachingstab und wohl auch sich selber mit ihrer Höhe. «Ich habe in den USA hart an meiner Linienwahl gearbeitet und nun offenbar gecheckt, wie es funktioniert», freute sich Purtschert trotz mehrerer Crashes über ihre ungewohnte Flughöhe.
Resultate:
Männer: 1. Iouri Podladtchikov (Sz) 90,8. 2. Matt Ladley (USA) 87,6. 3. Louie Vito (USA) 86,9. 4. Taku Hiraoka (Jap) 86,3. 5. Nathan Johnstone (Au) 85,8. 6. Christian Haller (Sz) 82,4. 7. Ryo Aono (Jap) 80,3. 8. Benji Farrow (USA) 77,0. 9. Markus Malin (Fi) 75,0. 19. Peetu Piiroinen (Fi) 39,2.
Frauen: 1. Kelly Clark (USA) 86,6. 2. Queralt Castellet (Sp) 85,6. 3. Gretchen Bleiler (USA) 82,9. 4. Rebecca Sinclair (Neus) 74,7. 5. Cilka Sadar (Sln) 74,0. 6. Elena Hight (USA) 69,7. 7. Ursina Haller (Sz) 66,0. 8. Soko Yamaoka (Jap) 60,7. 9. Nadja Purtschert (Sz) 33,6. 10. Nicoll Mercedes (Ka) 25,6.
(bert/Si)
- Heidi aus Oberburg 705
muss er wohl, damit leben können Der Speaker hat nur die Aufgabe, die Sportart zu kommentieren. Keine ... Do, 18.02.10 23:31 - Martin aus Langenthal 526
Richtig Endlich wird dieser bodenlose Leichtsinn bestraft. Hoffentlich findet ... Mo, 26.01.09 18:18
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